Ausstellung "Otto der Große. Magdeburg und Europa"

In einer Zeit vor tausend Jahren

Unglaublich, dass die meisten der rund 400 Originalobjekte der Europaratsausstellung "Otto der Große. Magdeburg und Europa" im Kulturhistorischen Museum vor über 1000 Jahren entstanden sind. Beeindruckend, dass es Museumsdirektor Dr. Matthias Puhle und seinem Team gelungen ist, wirkliche Schätze von den 176 Leihgebern aus 100 Ländern für 100 Tage in die Landeshauptstadt zu holen. Repräsentationsgut, Schmuck, Alltagsgegenstände, Bilderhandschriften, Kirchenkunst sowie Urkunden erinnern an ein Jahrhundert, dass uns nur sehr wenig Zeugnisse hinterlassen hat. Die Edelsteingehänge des so genannten Kaiserinnenschmucks, die Gruppe der Magdeburger Elfenbeintafeln, die Kaiser Otto (912-973) eigens für die Ausstattung des Magdeburger Doms in Mailand fertigen ließ, das Wunstorfer Kästchen aus gravierten Knochenplatten, eine Bergkristalllampe oder reichverzierte Evangeliare, Miniaturen und Chroniken verdienen wohl besondere Aufmerksamkeit. Aber auch ganz alltägliche Dinge wie Töpferwaren, Schöpfkellen, erodierte Schwerter, Münzen, Steigbügel oder Zaumzeuge erinnern an die Zeit, als Otto der Große Magdeburg zum Konstantinopel des Nordens machen wollte. Gelungen war ihm durch kluge Heiratspolitik, Waffengewalt und weitsichtige Herrschaft ein Konstrukt, das Europa eine neue Gestalt annehmen ließ. Unermüdlich ritt der Kaiser aus sächsischem Adelsgeschlecht durch sein Reich von Pfalz zu Pfalz, Gerichtstage abhaltend und ständig neue Aufstände niederschlagend.

Die Ausstellung vermittelt in sechs Kapiteln ein anschauliches Bild des Frühmittelalters, nicht aufdringlich und pompös, sondern auf die Schätze jener Zeit setzend, lädt sie ein zum Verweilen, zum Hinüberwandern in die Welt der ottonischen Herrscherfamilie; ja fast andächtig gewährt sie einen Einblick in die Geschichte und Überlieferung, die ottonische Königslandschaft in Sachsen, in die Familie des großen Kaisers, in seine Herrschaft und sein Reich, in die ôkönigliche Stadt" Magdeburg sowie das ottonische Kaisertum in Europa. Sie bringt den Besuchern ein Stück ihrer eigenen Geschichte und Tradition wieder neu in Erinnerung.

Und dabei lässt sie die modernen Medien nicht vor der Tür. Der Computer-Visualistik-Raum erlaubt den Besuchern eine "virtuelle Zeitreise". Entstanden am Institut für Simulation und Graphik unter Leitung von Prof. Dr. Thomas Strothotte, soll das Rätsel der Geschichte des Domplatzes anschaulich nahegebracht werden. Lange gingen Archäologen davon aus, dass sie auf dem Domplatz die Reste des Palastes der einstigen Magdeburger Pfalz Ottos des Großen ausgegraben hatten. Neuere Forschungen lassen jedoch andere Schlüsse zu. Die Visualisierungen, die unter der Regiede von Dr. Maic Masuch und der Mitarbeit vieler Studierender entstanden, erlauben das Spiel mit räumlichen Varianten und helfen, komplexe Zusammenhänge, wie sie bei der Deutung historischer Funde oft auftreten, zu verdeutlichen.

Der Ausstellungsort, unweit der Grablege Kaiser Ottos und seiner ersten Gemahlin Editha im Dom, wurde 1906 erbaut und in den vergangenen Jahren umfangreich saniert und umgebaut. In altem Glanz erstrahlt wieder das architektonische Prunkstück des Kulturhistorischen Museums, der Magdeburger Saal. Hier ist der berühmte Magdeburger Reiter, der wie kein anderes Werk das Bild Ottos des Großen für die Nachwelt geprägt hat, zu sehen. Unter Schichten von Putz wurde das Monumentalgemälde Arthur Kampfs, das die drei Lebensabschnitte Kaiser Ottos darstellt, freigelegt und restauriert.

Die Ausstellung ist noch bis zum 2. Dezember 2001 zu sehen. Zur Ausstellung wird von Magdeburger Theatern, Kirchen, Museen und Vereinen ein umfangreiches Begleitprogramm angeboten und ist ein zweibändiger Katalog im Verlag Philipp von Zabern, Mainz, sowie eine CD-ROM der "virtuellen Zeitreise" erschienen.
Ines Perl