Ein halbes Jahr als Professor an unserer japanischen Partneruniversität (2)

Papierdrachen und Wirbelstürme

Für sechs Monate arbeitete und lehrte PD Dr. Lutz Wisweh, Beauftragter für die Partnerschaft unserer Universität mit der Niigata University, im vergangenen Jahr in Japan. Über seine Eindrücke von der Universität berichtet er bereits im vergangenen Uni-Report. Heute schreibt er über das Leben in dem fernöstlichen Land und dessen Traditionen.

Natürlich wird man schnell vom Arbeitseifer der japanischen Kollegen angesteckt. 12 bis 14 Stunden tägliche Arbeitszeit, teilweise auch am Wochenende, ist vielfach nur aus japanischen traditionellen Werten der Bindung an ein Unternehmen und der Rolle der Familie, und besonders der Frauen, zu verstehen. Aus dieser Situation leitet sich auch der ausgeprägte Drang nach familiären Aktivitäten am Wochenende ab. Doch die Japaner verstehen es nicht nur, intensiv zu arbeiten, sondern auch, sich ausgelassen zu vergnügen. Zahlreiche traditionelle Feste und Feiertage, die die knapp bemessene Zahl von Urlaubstagen etwas verlängern, lassen den Alltagsstress vergessen und führen bei zahlreichen kulturellen Sport- und Freizeitvergnügungen zum notwendigen Ausgleich.

Baden in Vulkanquellen

Gerade dort offenbart sich das Geheimnis der für uns scheinbar so anderen Kultur. So ist es auch nicht verwunderlich, wenn nach der Regenzeit Anfang Juli die Zeit der zahlreichen Open-Air-Veranstaltungen, wie z.B. dem japanischen Noh-Theater oder der Papierdrachenwettkämpfe ganzer Dörfer gegeneinander, beginnt. Im August, dem heißesten Monat, in dem die meisten Japaner am liebsten auf die kühlere Insel Hokkaido flüchten würden, beginnt dann auch in den kühleren Abendstunden, die nach den Tagestemperaturen von ca. 40°C aber immer noch bei 30°C liegen, die Zeit der zahllosen Tempel-, Schrein- und Folklorefestivals. Als besondere Höhepunkte erweisen sich immer wieder Ausflüge mit Kollegen, Freunden und Familien zum gemeinsamen Ritual des Badens in über 40°C heißen Quellen vulkanischen Ursprungs in den Bergen rings um Niigata. Doch sind es nicht nur die Temperaturen, sondern vor allem die hohe Luftfeuchtigkeit von durchschnittlich über 80%, die den Aufenthalt im Freien in dieser Zeit so unerträglich werden lassen.

Laborarbeit der Studenten

Zwei bis drei Wochen Lehrveranstaltungspause treiben die Studenten verstärkt zur Laborarbeit und nur wenige Tage zu einer kurzen Pause in die Heimat. In vielen Laboratorien steht ein Schlafplatz zur Verfügung, falls die Laborarbeit zu "ermüdend" wird. 24 Stunden Einkaufsmöglichkeiten in kleinen Supermärkten rund um die Universität machen jede Einkaufsplanung für Studenten und Mitarbeiter überflüssig.

Hochdruck herrscht um diese Zeit auch im Uni-Reisebüro, das nicht nur auf Dienstreisen, Reisen von Studentengruppen und Individualreisen spezialisiert ist, sondern auch Fahrkarten und Flugtickets jeder Art beschafft. Selbst die Ausleihe von Reisekoffern ist hier selbstverständlich.

Der September, vergleichbar mit einem heißen Sommer in unseren Breiten, lässt das Leben wieder erträglicher werden. In Vorbereitung auf das im Oktober startende neue Semester beginnt in dieser Zeit auch an der Niigata University die breite Diskussion um die weitere Privatisierung staatlicher Universitäten in Japan. Nur etwas über 10% aller Universitäten in Japan sind staatlich. Sie sollen aber zukünftig einen stärkeren eigenfinanzierten Charakter bekommen. Ein für uns recht interessantes Modell der Reformierung des Universitätswesens, weil es auf jeden Fall ein stärkeres Engagement von Unternehmen im Bereich der universitären Forschung, aber auch der Lehre und Fortbildung erfordert. Damit kann wiederum stärker auf ein anforderungsgerechteres Ausbildungsprofil durch die Industrie Einfluss genommen werden.

Doch der September lässt die Natur dieses Landes nicht zur Ruhe kommen. Noch vor Beginn der mit Hochdruck betriebenen Reisernte Ende September brechen, vom Süden der Inselgruppe kommend, die schweren Herbst-Wirbelstürme (Taifune) über das Land herein. Durch die enorme Kraft dieser Wirbelwinde wurden auch im vergangenen September über 25 Menschen in den Tod gerissen und neben Schäden in unvorstellbarer Höhe historische Kulturgüter unwiederbringlich zerstört, die ich wenige Wochen zuvor noch bewundern konnte. Niigata treffen die Taifune dank der vom Pazifik abgewandten Seite meist nur in abgeschwächter Form, doch die danach einsetzenden schweren Regenfälle führen auf dem vulkanischen Untergrund immer wieder zu verheerenden Erdrutschen, bei denen nicht nur Straßen, sondern auch ganze Dörfer verschwinden können.

Nach sechs arbeits- und erlebnisreichen Monaten im japanischen Niigata fand der begonnene Austausch von Hochschullehrern ab Oktober 1999 mit dem Einsatz von Dr. Franz Bronold im Bereich der Physik an der Faculty of Engineering an der Niigata University seine Fortsetzung. Verstärkt wird die kleine Gruppe der Mitarbeiter und Studenten unserer Universität weiterhin noch durch Jürgen Franke, Doktorand an der Fakultät für Verfahrens- und Systemtechnik, und Stefan Batt, Diplomand an der Fakultät für Maschinenbau. Andererseits konnten zwei Studenten der Niigata University gemeinsam mit unseren Studenten den Jahreswechsel in Deutschland begehen.

Bereits in wenigen Monaten wird wiederum eine Gruppe von 15 Studenten unserer Universität zu einer dreiwöchigen Sommerschule zum Studium der japanischen Sprache, Wissenschaft und Kultur zu unserer Partneruniversität aufbrechen.

Es ist an dieser Stelle leicht, über die Erfolge und Fortschritte bilateraler Zusammenarbeit ein Resümee zu ziehen, aber ohne das persönliche Engagement der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Akademischen Auslandsamtes unserer Universität und des Beauftragten der Faculty of Engineering der Niigata University für die finanzielle und organisatorische Absicherung der vielfältigen Aktivitäten und deren "Kleinarbeit" im "Hintergrund" wäre die Realisierung dieser Beispiele internationaler Wissenschaftskooperation, wie sie an unserer Universität eine lange Tradition haben, nicht möglich gewesen.